Dropping In and Out — A Response to Uncertainty versammelt künstlerische und forschende Positionen, die sich mit den Brüchen und Umwegen in den Biografien verstorbener Künstler*innen und historischer Frauenfiguren unterschiedlicher Disziplinen auseinandersetzen. Anstelle linearer Erfolgsgeschichten eröffnen die Arbeiten vielschichtige Erzählungen über Ausschlüsse, Widerstände, Fürsorge und gemeinschaftliche Formen des Wissens. Ausgehend von biografischen Recherchen, Briefen und künstlerischen Werken zeigt die Ausstellung multimediale Arbeiten, die aus einem offenen Dialog im Rahmen des interdisziplinären, künstlerisch-forschenden gleichnamigen Projekts entstanden sind.
Die Forschenden setzen sich teils sehr persönlich mit den Lebenswegen von Frauen aus vergangenen Jahrhunderten auseinander. Dabei werden sowohl ihre Beziehung zu diesen historischen Persönlichkeiten als auch wenig bekannte Stationen und Entwicklungen in deren Leben und Schaffen sichtbar.
So erfährt man beispielsweise über die während der Französischen Revolution politisch aktive Marie-Jeanne Philipon Roland (1754–93), dass sie kurz vor ihrer Hinrichtung bewusst autobiografische Texte verfasste, um der Nachwelt ihren Lebensweg aus eigener Perspektive zu überliefern. Die Biografie von Zofia Rydet (1911–97) zeigt, dass sie ihre fotografische Laufbahn erst im Alter von über 40 Jahren begann. Dennoch zählt sie heute zu den bedeutendsten polnischen Fotografinnen und erlangte insbesondere mit ihrer langjährigen Dokumentation von Menschen in ihren privaten Lebensräumen internationale Bekanntheit. Dora Benjamin (1901-46) wiederum war nicht nur sozialistische Ökonomin und Psychologin, sondern arbeitete interdisziplinär und realisierte 1929 in Berlin-Kreuzberg die Ausstellung Gesunde Nerven. Mit ihren innovativen Präsentationsformen untersuchte sie die Auswirkungen von Arbeitsbedingungen und dem Leben in der Großstadt auf die psychische Gesundheit – ein Thema, das bis heute nichts von seiner Aktualität verloren hat.
Jede recherchebasierte, künstlerische Arbeit von Dropping In and Out — A Response to Uncertainty entwirft ein persönliches Bild der historischen Figuren. Seine Stärke liegt dabei gerade nicht in einer imaginierten Vollständigkeit, sondern in den Fragmenten, die aus individuellen Blickwinkeln und Verflechtungen entstehen.
Initiiert als interdisziplinäres Projekt von den Berliner Künstlerinnen Mathilde ter Heijne und Vanessa Gravenor (Universität der Künste Berlin) mit der Literaturwissenschaftlerin Jessica Goodman (St Catherine’s College, Universität von Oxford), untersucht Dropping In and Out – A Response to Uncertainty, wie unterschiedliche historische und geographische Kontexte die Wahrnehmung und Rezeption des künstlerischen Erbes von Frauen prägen und wie wir als Autor*innen und Kulturschaffende heute dazu beitragen können, die Werke und den Einfluss derjenigen wieder sichtbar zu machen, die vor uns gewirkt haben.
Das Projekt möchte Leerstellen in den genealogischen Erzählungen feministischer Akteur*innen sichtbar machen und gegenseitige Solidarität über zeitliche und räumliche Grenzen hinweg fördern. Dabei verfolgt es die Spuren der Auslöschung und des Verschwindens in den Biografien von Künstlerinnen und fragt nach der Bedeutung feministischer Perspektiven für künstlerische Produktion und Geschichtsschreibung.
Programm
Our Voices in the Wind: A Rupture in the Fabric of the Norm [Unsere Stimmen im Wind: Ein Bruch im Gefüge der Norm]
24.10.2026 // 19:00-21:00
Performative Lesung mit Student*innen / Time Based Media and Performance Class, UdK Berlin
Wie erzählen am Anfang ihrer künstlerischen Praxis stehende Künstler*innen in einer von sozialen und wirtschaftlichen Krisen geprägten Gegenwart von ihren Lebens- und Berufswegen, die von Brüchen, Umwegen und Veränderungen bestimmt sind? Solche Einschnitte können durch Krankheit, Migration, Krieg, Sorgearbeit oder andere Lebensumstände entstehen, die den künstlerischen Werdegang prägen, in Lebensläufen jedoch häufig lediglich als Lücken erscheinen. Mit Briefen an historische Akteur*innen, die Ähnliches erfahren haben, und im imaginären Dialog entstehen neue Perspektiven und Orientierungspunkte für zukünftige Wege, die gerade aus diesen Brüchen hervorgehen. Die performative Lesung dieser Briefe lässt die Vergangenheit in die Gegenwart hineinwirken und hinterfragt vorherrschende Formen des Geschichtenerzählens und der Geschichtsschreibung. Sie macht sichtbar, wie queer-feministische Vermächtnisse gerade durch das Aufbrechen gesellschaftlicher Normen entstehen und weitergetragen werden.
Film Screening und Q&A
Mathilde, Mathilde, 5 min. 1998, Mathilde ter Heijne
Das Video verwendet Dialoge aus Filmen des französischen Kinos, in denen die Protagonistinnen Mathilde heißen. Ihre Geschichten kreisen um romantische Abhängigkeit und enden jeweils im Freitod. Durch die Montage der von der Künstlerin nachgestellten Selbstmordszenen entsteht eine verschränkte Erzählung, in der die filmischen Figuren auf den Körper der Künstlerin übertragen werden. Der Auftritt eines Film-Dummys – einer Kopie der Künstlerin – durchbricht jedoch die filmische Illusion und setzt damit die tödliche Logik dieses Abhängigkeitskreislaufs außer Kraft.
(François Truffaut, La Femme d’à côté, 1981; Jean-Claude Brisseau, Noce blanche, 1989; Patrice Leconte, Le Mari de la coiffeuse, 1990)
Paper Swallows Rock, 17 min. 2021, Vanessa Gravenor
Paper Swallows Rock kreist um die Figur Vanessa – ein Alter Ego der Künstlerin – und zeichnet das Porträt einer Künstlerin, deren wissenschaftliche Recherche immer wieder von ihrer eigenen Biografie eingeholt wird. Während sie extremistische Lehrbücher aus der Zeit des sowjetisch-afghanischen Krieges untersucht, nimmt Vanessa an einer französischen psychologischen Studie über Erinnerung teil, die sich mit den Terroranschlägen von Paris 2015 befasst, bei denen sie selbst verletzt wurde. So wird das eigene Selbst zu historischem Material – und zur Grundlage einer Erzählung.








