autodafeu.transformierung

Charlotte Buff

exhibition

Charlotte Buff (Ausschnitt Flyer)

Ausstellung

11.9.-4.11.2011 // Di-Fr 15:00-18:00

Eröffnung

Musik mit Akiko Koizumi, Cello // Tanja Porstmann, Violine // Claudia Teschner, Violine, Elektronik, Komposition
10.9.2011 // 17:00

Images

Bilder Eröffnung & Ausstellung

 

Fotos: Uta Koch-Götze

 

Objekte – Videoperformance

Am 23. Mai 2008 verbrannte die Künstlerin Charlotte Buff auf dem Johannes-Selenca-Platz vor der Kunstakademie in Braunschweig drei ihrer großen Kunstobjekte.
Sie gab dieser öffentlichen Kunstperformance den beziehungsreichen Namen autodafeu.transformierung 1, ein Name, der auch der aktuellen Ausstellung, die wir heute in der galerie futura Berlin eröffnen, als Titel voransteht.

Charlotte Buff hat ihr umfangreiches GesamtWerk in unterschiedlichen Werkgruppen als Konzeptkünstlerin angelegt, einem inhaltlichen Entwurf verpflichtet, der immer wieder um das Themenspektrum Transformation kreist.
Sicher gehört es zu den Grundvoraussetzungen jeder Kunstproduktion, dass sie, wenn sie diesen Namen verdient, per se einem transformierenden Prozess verpflichtet ist.
Bei Charlotte Buff ist dieser Prozess charakteristisch auf einer alle Sinne ansprechenden Erfahrungsebene angelegt, die auch die Betrachter unmittelbar in das Geschehen – den Prozess der Verbrennung – im Hier und Jetzt mit einbezieht. Das, was aus diesem Prozess entstanden ist, die bildlich sinnlichen Erfahrungen oder das Material, das aus der Wandlung durch das Feuer eine neue Gestalt etwa in Form von Asche, Schlacke oder geschmolzenem Metall angenommen hat, wird akribisch genau gesammelt und dokumentiert.
Durch den Läuterungsprozess der Elementargewalt des Feuers wird die Materie in der gebundenen Form aufgelöst und bildet ein Spektrum von Substanzen, die in den Kunst-Fraktalen von Charlotte Buff zu neuer Gestalt geformt werden.
Die Künstlerin legt dabei großen Wert darauf, dass es sich nicht um „Reste“ im Sinne von Abfallprodukten handelt, sondern um transformierte Materie im Kreislauf des Lebens, zu dessen Grundverständnis fortwährende Wandlung gehört.
Hier zeigt sich ihre besondere Nähe zur Chaostheorie, für die im kleinsten Teil das Ganze enthalten ist als Spiegel des Makrokosmos im Mikrokosmos, und für die jedes Ende in einen neuen Anfang mündet.

Der Titel autodfeu.transformierung spielt bewusst mit zweierlei Assoziationen, einmal mit dem Begriff autodafée, der den Akt der öffentlichen Ketzerverbrennung auf dem Scheiterhaufen meint mit seiner immanenten Zuschreibung eines elementaren Glaubensaktes.
Andererseits setzt auch die Künstlerin den Verbrennungsprozess zu sich selbst als Person, als Akt des autodafeu, der Selbstverbrennung, in Beziehung, indem sie eigene Kunstobjekte als pars pro toto der Wandlung durch das Feuer aussetzt und damit einen existentiellen Transformationsprozess inszeniert.
Um den sich fortschreibenden Prozess im Rahmen vergehender Zeit festzuhalten, wählt sie für die Performance als Akt der Verbrennung drei eigene Großobjekte, die aus dem WerkFundus der 90er Jahre stammen.
Ihr philosophischer Ansatz fußt dabei auf dem Selbstverständnis ewig geltender Gesetze und Strukturen von Vergehen und Wandlung, von Auflösung und Erneuerung, denen alles Leben in seinen Einzelteilen, die die Künstlerin Fraktale nennt, im Kosmos unterworfen sind.
In dieses Universum schließt sie sich selbst als Person mit ein – so heißt es bei ihr:

Ich selbst bin ein Fraktal der gesamten Menschheit und dennoch ein Ganzes, das wiederum aus vielen Fraktalen, bzw. alter Egos besteht. Diese stellen sich dar als personifizierte Kunst-Personen …

Diese Kunst-Personen hat Charlotte Buff bereits in den 80er Jahren entwickelt, deren Grundkonstellation aus den drei Personen Carlos, Charlotte Buff und Charlie – Fubb besteht und die inzwischen prozesshaft auf die Zahl 27 angewachsen sind. Diesen Kunst-Personen sind die jeweils einzelnen entstandenen Arbeiten zugeordnet.
Das subtile Konzept weitverzweigter Vernetzungen bildet bis heute das Grundmotiv des künstlerischen Selbstverständnisses von Charlotte Buff.

Die Exponate dieser Ausstellung bieten dabei in ihrem kleinen Ausschnitt aus der Werkfülle einen exemplarischen Einblick in das schillernde Gesamtwerk dieser Konzeptkünstlerin. Sie tragen keine Titel, sondern dem Konzept der Vernetzung entsprechend, Art-Nummern, die auf die Bezogenheit aller Fraktale untereinander verweisen.
So gehört etwa die große Wandarbeit des Marlboro-Plakates zum übergeordneten Fraktale Charlie Fubb, das die konzeptionell malerische Idee betont.
Transformation bedeutet bei dieser Arbeit die Wandlung des Farbspektrums durch den minutiösen Auftrag von Farbpunkten in Komplementärfarben mit dem Ergebnis, das den Plakatcharakter in eine kostbare Tapisserie zu verwandeln scheint.
Wie in dieser Arbeit bevorzugt die Künstlerin vorgefundenes Material aus dem Alltagsmilieu, häufig Papier aus Zeitungen oder Einweg–Papierhandtücher, denen sie geschreddert, zu Knäueln geformt oder in verdichteten Formen – mal naturbelassen oder mit Pigmenten akzentuiert – eine neue Gestalt gibt.

Entstanden sind in diesem Prozess verblüffend vielfältige Objekte von hohem ästhetischem Reiz – manchmal mit bizarren Untertönen oder ironischen Koinzidenzien zwischen Alltagsphänomen und Kunstcharakter.
Um der Faszination dieser Künstlerin für ihr über Jahrzehnte tragendes Konzept der unausweichlichen Vernetzung von Fraktalen auf die Spur zu kommen, bietet sich die Hypothese ihres höchst individuellen Lebensentwurfs an, der sie an eine Jahrhunderte lange Familientradition bindet.
Denn Charlotte Buff hat sich mit ihrem Namen keinen Künstlernamen zugelegt, sondern ist als Ururenkelin jener historischen Charlotte Buff, der Lotte von Goethes Werther, ein Mitglied jener berühmten Familiengenealogie.
Vielleicht ist vor diesem Hintergrund ihr sensibel wacher Blick für lebenslange Transformationsprozesse und kosmische Vernetzungen auf allen Ebenen unserer Existenz so selbstverständlich.

Uta Koch-Götze – galerie futura

www.charlottebuff.de

// to top